2014/15 Wintersemester

Materialien zur Kritik der Soziologie

„Die soziologische Neutralität wiederholt die soziale Gewalttat, und die blinden Fakten, hinter die sie sich verschanzt, sind die Trümmer, in welche die Welt von der Ordnung geschlagen ward, mit der die Soziologen sich vertragen.“ (T. W. Adorno, 1942)

Dieses Tutorium hat zum Ziel, die wesentlichen Unterschiede von Soziologie und kritischer Theorie der Gesellschaft herauszuarbeiten. Statt die Wissenschaft von der Gesellschaft (genauso wenig wie Gesellschaft selber) als natürlich gewachsen zu verstehen und somit bewusstlos vorauszusetzen, soll die Entstehungsgeschichte und die (sich wandelnde) Funktion von Soziologie im Kapitalismus untersucht werden. So kann dazu beigetragen werden, das weit verbreitete Vorurteil, bei der Soziologie handele es sich um eine (gesellschafts-)kritische Disziplin, zu problematisieren.
In diesem Tutorium soll zunächst versucht werden, die Entstehung und Entwicklung der naturwissenschaftlichen und sinnverstehenden Soziologie (und die Synthese beider) nachzuvollziehen. Anhand der Lektüre ausgewählter Vorträge der deutschen Soziologentage aus den Jahren 1910, 1946, 1968, 1990 und 2010 soll dann der affirmative Charakter der Soziologie untersucht werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den spezifischen Charakter der bundesrepublikanischen Soziologie der Nachkriegszeit gelegt, die von der Verleugnung der Nazi-Vergangenheit geprägt war. Chronologisch vorgehend könnte daran anschließend die veränderte Funktion von Soziologie im Neoliberalismus untersucht werden. Der genaue Lektüreplan soll nach gemeinsamer Absprache im Tutorium bestimmt werden.

Was Kritik ist, oder: Die Pseudokritik des Poststrukturalismus

Im vergangenen Sommersemester wollte das Tutorium „Zur Aktualität von Ontologie und Dialektik“ anhand ausgewählter Vorlesungen Adornos den Versuch unternehmen, den seit nun bereits über zwei Jahrzehnten andauernden Hype poststrukturalistischer Philosophie im Wissenschaftsbetrieb wie auch in bewegungslinker Gesinnung einerseits soziologisch zu erklären, also die Frage zu diskutieren, woher das neoontologische, postmoderne Bedürfnis herrührt. Andererseits sollte dieser Versuch einer Kritik dem Poststrukturalismus nicht bloß äußerlich bleiben, sondern immanent dessen nicht explizierte oder gar verschleierte Voraussetzungen und Widersprüche herausarbeiten. Ist es dem Tutorium zwar gelungen auf hohem Niveau die immanente Kritik der Heideggerischen Fundamentalontologie nachzuvollziehen und auch selbst zu entfalten, kamen die Versuche zum Poststrukturalismus jedoch noch nicht über einzelne Andeutungen hinaus, die sich vor allem auf den poststrukturalistischen Anspruch beschränkten, eine kritische Philosophie zu sein. Im Wintersemester soll das begonnene Vorhaben nun fortgesetzt werden, wobei insbesondere zwei miteinander vermittelte Probleme im Zentrum stehen.
Zunächst soll im ersten Drittel des Tutoriums nachvollzogen werden, was Kritik ist. Der Begriff Kritik weist schon philologisch auf den des Scheidens unmittelbar hin. Kritik ist also darin bestimmt, dass sie gar nichts anderes sei als Unterscheidung, welche schließlich die einander differenten Momente von Begriff und Gegenstand miteinander konfrontiert, sie zum Widerspruch radikalisiert, sie so jeweils mit Leben füllt und darin beide über ihre verdinglichte Starrheit hinauszutreiben strebt. So konnte bereits das im strengsten Sinne antikritische Wesen der Heideggerischen Philosophie bis auf die Wurzel des Kritik-Begriffs hinunter verfolgt werden. Was der Heideggerischen Philosophie jedoch keinen Schlag versetzt, weil diese überhaupt gar nicht den Anspruch hat eine kritische Philosophie zu sein, würde den Poststrukturalismus merklich tangieren. Dieser spielt sich schließlich auf, kritischer noch als Marx, kritischer als Adorno, kritischer als kritische Kritik zu sein. Es soll also im Tutorium zunächst der Begriff der Kritik selbst bestimmt werden. Diesem Versuch sich bereits gewidmete Aufsätze von Kant, Hegel, Marx und Adorno werden mit gleichermaßen an ihm orientierten Texten von Foucault und Butler konfrontiert.
Im weiteren Verlauf des Tutorium soll die Kritik des Poststrukturalismus in seiner Vertretung durch Butler ausführlich, und das heißt: ganz nah am Text entfaltet werden. Die bereits im vergangenen Semester angefangene Lektüre von „Das Unbehagen der Geschlechter“ soll erneut begonnen und um die Diskussion von „Körper von Gewicht“ erweitert werden. Im Zentrum der Diskussion sollen dabei vor allem die Begriffe Natur, Geschlecht, Subjekt und Körper stehen. Es gilt die Thesen zu diskutieren, Butler löse Natur vollständig in eine nur noch diskursiv bis performativ verstandene Gesellschaft auf, wobei diese darin tatsächlich als zweite Natur verdinglicht und ontologisch veredelt wird; und dass Butlers Begriff vom Subjekt ohne jegliche lebendige Substanz wesentlich entsubjektiviert daherkomme. Beides liefe schließlich darauf hinaus, einer Philosophie, die sich dem eigenen Anspruch nach als Identitätskritik versteht, nachzuweisen, dass sie Identitätsdenken im strengsten Sinne ist und nichts Nicht-Identisches kennt. Deswegen sei Butlers Philosophie auch nichts als die Apologie des Pseudopluralismus partikularer Lebensformen, die im Bestehenden doch gerade das Allgemeine sind und sich als die substanzlose und entqualifizierte Immergleichheit offenbaren.

(Queer)Feministischer Materialismus?

„Kein Kommunismus ohne Feminismus“ – wir wollen der Parole auf den Grund gehen und in unserem Tutorium nach der spezifischen Verbindung dieser beider Denktraditionen fragen.
Die Verbindung ist keineswegs so offensichtlich, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag, sondern erzählt die Geschichte theoretischer und auch aktivistisch-politischer Kämpfe. So reagierten Feministinnen* in den 60er und 70er Jahren mit der „Lohn für Hausarbeit“ Kampagne auf die Abwertung feministischer Anliegen oder „der Frauenfrage“ als Nebenwiderspruch seitens marxistischer Zirkel mit der Forderung nach einer Einbeziehung von Geschlechterverhältnissen in marxistisch-materialistische Theoriebildung und politische Kämpfe. Wir wollen untersuchen, ob die Zusammenführung von Marxismus und Feminismus wirklich oft eine „Unhappy Marriage“ war, wie Heidi Hartmann (1981) attestiert, oder ob es theoretisch fruchtbare Versuche gab, patriarchale Unterdrückungsstrukturen und kapitalistische Verwertungslogik zusammen zu denken und ob diese überhaupt so zu bezeichnen sind. Außerdem wollen wir ergründen, was die seltsame Stille in der Debatte in den 90er und 00er Jahren ausgelöst hat und ob der seit einiger Zeit ausgerufene „material(ist) turn“ in den Gender Studies ein Rückbezug auf die frühen Diskussionen und Theorien darstellt oder nicht doch unter ähnlicher Begrifflichkeit ganz andere Problemstellungen bearbeitet und gar keine materialistische Gesellschaftstheorie mehr betreibt.
Eingeladen sind alle, die Lust haben sich mit dem Thema zu befassen. Je nach Vorkenntnissen wollen wir die Texte gemeinsam auswählen. Das Tutorium soll voraussichtlich 2-wöchig immer 4 Stunden stattfinden. Der Termin wird in der ersten Sitzung gemeinsam festgelegt. Falls du mitmachen magst, aber am Termin des ersten Treffens keine Zeit hast, kannst du uns auch mailen.

Zur Politischen Theorie Bertolt Brechts

„Dostojewski ging es um Psychologie; er brachte das Stück Verbrecher, das im Menschen steckt, zum Vorschein. Brecht geht es um Politik; er bringt das Stück Verbrechen, das im Geschäft steckt, zum Vorschein.“ (Walter Benjamin zit. nach Bertolt Brechts Dreigroschenbuch, S.192)

Anstatt trockene, unverständliche und oft langweilige Wissenschaftsprosa zu lesen, sollen in diesem Tutorium (vornehmlich) Theaterstücke gelesen werden, konkret die Stücke von Bertolt Brecht. Dieser schrieb seine Stücke explizit mit politischen Zielen, was uns dazu anregen soll, uns u.a. folgenden Fragen zu stellen: Ist die Brechtsche Sicht auf die Welt noch zeitgemäß, wo lassen sich Anknüpfungspunkte finden, wo ist die Welt eine andere geworden? Lässt sich mit den von Brecht exponierten Analysen und Handlungsoptionen noch etwas anfangen oder sind sie zu verwerfen? Wie würden die Charaktere heute handeln? Wovon würden die Stücke heute handeln? Es soll also darum gehen, die politische Theorie in und hinter dem Werk von Brecht zu erkunden, auszudrücken und vor allem zu diskutieren und zu bewerten um daraus eine Perspektive auf die gegenwärtige Realität und mögliche Praxen in dieser zu gewinnen.
Was wir genau lesen, bestimmt Ihr, genauso, ob wir vielleicht mal ins Theater gehen oder gemeinsam eine Verfilmung schauen. Fest steht nur, dass wir uns, was die Texte angeht, auf die Prosa, Lyrik und Dramatik Brechts beschränken wollen, und versuchen werden diese immanent zu verstehen. Vorkenntnisse in Germanistik oder dem Werk Brechts sind nicht notwendig, ebenso wenig die formale Zugehörigkeit zu den Sozial- oder Geisteswissenschaften.

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