2015/16 Wintersemester

Anarchistische Theorie und Kritik: „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“

Der Anarchismus ist vielleicht für den Marxismus eine Züchtigung, wie Lenin behauptet hat; aber dieses Urteil muss heute differenziert werden, der Anarchismus ist auch eine Lektion und als solche immer mehr anerkannt.“ (KWM 1984: 58 zit. n. Kellermann 2011: 120)

Dass der Anarchismus auch eine Lektion für den Marxismus sein kann, ist im deutschsprachigen Raum leider weniger anerkannt als anderswo. Doch gerade die radikale Staatskritik, welche von Anarchist*innen bereits in der Ersten Internationale formuliert wurde, schien „die Gefährlichkeit des Staatsapparates schärfer gesehen“ (Ernst Bloch 1970: 320) zu haben und scheint spätestens nach den Erfahrungen des Stalinismus unentbehrlich für eine emanzipierte Gesellschaft.
Im Rahmen des Tutoriums soll deshalb der Versuch unternommen werden, verschiedene klassische Texte des Anarchismus zu lesen und zu diskutieren, um sich gemeinsam ein Verständnis dessen zu erarbeiten, was anarchistische Theorie sein kann. Anhand von klassischen Autor*innen wäre zunächst die Frage an die Texte zu stellen, was den Anarchismus auszeichnet und wo in seiner Idee Probleme und Verkürzungen stecken, um dann Anschlussmöglichkeiten auszuloten. Fokussiert werden soll dabei unter anderem besonders auf die Fragestellung, welche Rolle der Anarchismus auch für die aktuellen sozialen Kämpfe spielen könnte. An dieser Stelle sollen auch aktuellere anarchistische Positionen zur Diskussion stehen.

Das Kapital: Eine Einführung in die Marx‘sche Analyse und ihre Aktualität

Karl Marx war vielleicht der einflussreichste Sozialphilosoph der Geschichte. Aufbauend auf seiner Arbeit wurden nationalstaatliche Verfassungen und Wirtschaftssysteme erschaffen. Seine Analysen werden selbst 130 Jahre nach seinem Tod zur Erklärung und Kritik aktueller Verhältnisse herbeigezogen. Doch was macht diesen Zauber von Karl Marx aus? Und was genau hat Karl Marx geschrieben, dass Generationen an Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Politiker*innen ihn lobpreisen oder verteufeln?
Dieses Tutorium richtet sich an diejenigen, die sich einführend mit Marx und seinen zentralen Thesen und Konzepten auseinandersetzen möchten. In der ersten Hälfte soll Das Kapital, Marx‘ Analyse des Wirtschaftssystems im England der Industriellen Revolution, behandelt werden. Hier wollen wir uns Konzepte wie Wert und Tausch, die Ware, Arbeit, Kapital und Entfremdung anschauen. Ich ermutige auch die Teilnehmer*innen, eigene Interessen einzubringen. Anschließend sollen weitere Thesen und Forderungen von Marx (bspw. aus dem Manifest der Kommunistischen Partei), sowie Antworten auf seine Analysen besprochen werden. Platz finden können hier die feministische Kritik der Produktivität oder aufbauende Werke wie Empire von Hardt & Negri und Capital of the 21 st Century von Picketty. Neben den inhaltlichen Sitzungen soll mindestens eine offen gestaltete Reflexionssitzung bisher Besprochenes in einen größeren Zusammenhang stellen, Gruppendynamiken adressieren, sowie weiteres Vorgehen klären.

Das Reden über Habermas

Das allgemeine ‘Habermas-Bashing’ erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit. An Materialismus und der sogenannten älteren Kritischen Theorie orientierte Kritiker*innen werfen ihm regelmäßig vor, die Grundannahmen der KT hinter sich zu lassen und so der von Adorno und Horkheimer begründeten Theorie ihren „kritischen Stachel zu ziehen“. Auch im universitären Kontext kennt man die verbreitete Abneigung gegen Habermas nur all zu gut, während auf der anderen Seite ganze Debatten auf der Basis seiner Theorie geführt werden. Oftmals beruht die an Habermas geübte Kritik auf nur rudimentären Kenntnisse seiner Texte: Nur in den seltensten Fällen wird der Bruch mit der KT inhaltlich nachvollzogen. So weicht die inhaltlich wichtige Auseinandersetzung mit Habermas all zu oft der oberflächlichen Ablehnung seiner Theorie, die nicht mehr an einer kritischen Lektüre seiner Texte interessiert ist. Das ist insofern unverständlich, als dass Habermas’ Abkehr von den materialistischen Grundannahmen der KT durchaus als der Beginn eines sich kritisch gebenden, den historischen Materialismus für obsolet haltenden, ‘linguistic turn’ innerhalb der Sozialwissenschaften gesehen werden kann. Eine gegenwärtige Kritische Theorie muss deshalb eben diese Entwicklungen kritisch mit reflektieren. In dem autonomen Tutorium wollen wir daher nachvollziehen, an welchen Stellen und theorieimmanenten Ansätzen Habermas seine Kritik entfaltet und warum eine Theorie des kommunikativen Handelns aus seiner Perspektive notwendig ist. Weiterhin soll mithilfe von Beiträgen dritter gefragt werden, wie eine gegenwärtige Kritische Theorie die Theorie von Habermas reflektieren und kritisieren kann.

Einführung in die Postwachstumsgesellschaft

Postwachstum vereint wissenschaftliche und praktische Strömungen, die den derzeitigen Wachstumszwang kritisieren und einen gesellschaftlichen Gegenentwurf liefern. Hierbei werden zentrale Konzepte wie Entwicklung, Technisierung, Fortschritt, Knappheit oder gesellschaftliche Naturverhältnisse infrage gestellt. Postwachstum ist daher eine Spielwiese, sich theoretisch und praktisch mit Alternativen zum modernen kapitalistischen Gesellschaftsentwurf auseinanderzusetzen.
In diesem Tutorium wollen wir einige Positionen des Postwachstumsdiskurses erarbeiten und kritisch betrachten. In der ersten Hälfte geht es um eine theoretische Basis anhand wissenschaftlicher Artikel. Anschließend wollen wir uns unterschiedliche Themen, gesellschaftliche Strukturen und soziale Institutionen und ihre Rolle in einer Postwachstumsgesellschaft anschauen. Wie sieht Universität in einer Postwachstumsgesellschaft aus? Wer produziert was für wen und woher kommt die dafür notwendige Energie und Ressourcen? Welche Formen kann Gemeinschaft annehmen? Dies sind mögliche Fragen, denen wir uns in der zweiten Hälfte des Tutoriums widmen können. Hier sind Mitarbeit und Interessen der Teilnehmer*innen entscheidend, denn wir wollen gemeinsam Themen finden, bearbeiten und diskutieren. Neben den inhaltlichen Sitzungen soll mindestens eine offen gestaltete Reflexionssitzung bisher besprochene Texte in einen größeren Zusammenhang stellen, Gruppendynamiken adressieren, sowie weiteres Vorgehen klären.

Körper und Sexualität als Aushandlungsfelder von Männlichkeit

In unserem autonomen Tutorium möchten wir über eine „klassische“ Perspektive auf Männlichkeit(-skonstruktion) hinausgehen und auf Spannungs- und Aushandlungsfelder von Männlichkeiten eingehen, die durch gesellschaftliche Diskurse einer „Entmännlichung“ unterworfen werden. Insbesondere werden hierbei die Bedeutung von Sexualität und Körper beleuchtet.
Trotzdem soll sich dem Thema über die „Klassiker“ der Männlichkeitsdebatte, Connell und Bourdieu, genähert werde. Im Anschluss an diese einführenden theoretischen Auseinandersetzungen erweitern wir die Perspektive auf Männlichkeit zunächst um eine psychoanalytisch-sozialpsychologische.
Nachdem in einem ersten Komplex also eine theoretische Beschäftigung mit der Konstruktion von Männlichkeit stattfand, wird im nächsten inhaltlichen Abschnitt versucht, sich gemeinsam in die Disability Studies einzulesen. Aufbauend auf das im ersten Teil gewonnene Theoriewissen wird vor allem die Frage nach dem Körper als Aushandlungsfeld von Männlichkeit diskutiert. Gemeinsam befassen wir uns hier mit der Anschlussfähigkeit von Disablity Studies und kritischer Männlichkeitsforschung und diskutieren, wie durch Zuschreibungen von Attributen Ausschlüsse von Männlichkeiten produziert werden. Mit der anschließenden Betrachtung von Sexualität setzen wir uns mit einem weiteren Feld, das sowohl mit Männlichkeit als auch dem Körper eng in Verbindung steht, auseinander. Hier könnte unter anderem das Konzept des Phallus behandelt und sich hierüber der Frage von Erektionsstörungen, die nicht über körperliche Ursachen erklärt werden können, genähert werden.

Kritische Gewerkschaftstheorien

Es ist deutlich, dass innerhalb der politischen Linken die Gewerkschaften als Organisation der Arbeiter*innen eine feste Größe darstellen. Dies zeigt sich vor allem in der Geschichte der Industrienationen. Umstritten und aktuell nur noch selten diskutiert hingegen ist die Einschätzung von Gewerkschaften aus theoretischer Sicht. Sehen Marx und Engels diese noch als festen Teil der Arbeiter*innenbewegung, beurteilt Lenin sie bereits einige Jahre später sehr viel kritischer. Dieser eklatante Unterschied, der sich auch im Vergleich zwischen I. und II. Internationale zeigt, verdeutlicht bereits die Weite des Spektrums der Gewerkschaftstheorien. Außerhalb dieser verschiedenen Perspektiven mit revolutionärem Anspruch lassen sich aber auch ganz andere, z.B. christliche Positionen finden. Innerhalb des Tutoriums wollen wir uns vor allem mit kritischen Ansätzen befassen. Im Vordergrund stehen dabei die grundlegende Debatte bei Marx sowie darauf aufbauende oder sich von dieser abgrenzende herrschaftskritische Strömungen wie Kritische Theorie, Operaismus oder Syndikalismus.
Das Tutorium soll einen ersten Überblick über die Debatten und deren Zusammenhänge und somit auch einen Anstoß zur Vertiefung bieten. Es soll zudem auch Studierende ansprechen, die keine Zeit für zusätzliche wöchentliche Verpflichtungen haben. Deshalb sollen die Treffen zunächst nur zweimal monatlich stattfinden und können bei Bedarf ausgebaut werden.

Politics of Silence and Violence

Die koloniale Expansion und Herrschaft stellen wirkmächtige Ereignisse in der Geschichte sowohl des „globalen Nordens“ als auch des „globalen Südens“ dar und prägen Wissenschaft, Kultur, Philosophie, Literatur sowie Wirtschaft, Politik, Recht und Gesellschaft bis heute gewaltig mit. Im Autonomen Tutorium soll angelehnt an Nikita Dhawan’s „Impossible Speech: On the Politics of Silence and Violence“ (2007) das Verhältnis von Sprechakt, Verstummen und Gewalt aus postkolonialer Perspektive diskutiert werden. So soll zum einen die Gleichzeitigkeit von emanzipatorischem Potenzial und unterdrückerischer Gefahr des Sprechakts herausgearbeitet werden. Zum anderen werden die gewaltvollen Konsequenzen des silencing deutlich.
Ausgehend von verschiedenen grundlegenden Texten (Dhawan, Mohanty, Spivak) sollen danach von den Teilnehmer*innen ein Schwerpunkt bzw. Schwerpunkte bestimmt werden. Möglich wären hier zum Beispiel die Verhältnisse zu verschiedenen anderen Autor*innen und Denkschulen, Strategien der Ermöglichung des Verlassen von zum Schweigen gebrachten Räumen (z.B. Spivaks Verlernen der Privilegien) oder auch die stärkere Beschäftigung mit dem Konzept der Subalternität. Zum Abschluss sollen die Konsequenzen einer postkolonialen Philosophie und einer damit einhergehenden Politisierung dieser unter Bezugnahme auf die verschiedenen Ansätze der Theoretiker*innen diskutiert werden. Ist so etwas wie eine postkoloniale Philosophie möglich? Und wenn ja, wie kann sie anders imaginiert werden?

Transformationstheorien im Wandel
Eine metatheoretische Annäherung an normativ-kritische Gesellschaftsanalysen und daraus hergeleitete Politiken zur Überwindung des Bestehenden.

Dass es sich bei Gesellschaften nicht um statische, von Gott gegebene Entitäten handelt, sondern um höchst wandelbare, ist eine Erkenntnis aus der Aufklärung. Seitdem entstehen immer neue Vorstellungen und Theorien zur Erklärung von Ordnung und Wandel. Dabei handelt es sich nicht nur um Theorien, die aus rein analytischem Interesse an diese Fragen herangehen. Sondern auch um solche, die sich in ihrer Analyse radikal kritisch auf die herrschende Ordnung beziehen und somit implizit oder explizit auf einen Wandel gerichtet sind, so entsprechende Politiken evozieren, die auf die Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung zugunsten einer besseren/befreiteren/fortschrittlicheren abzielen.
In dem Tutorium wollen wir uns diesen Theorien metatheoretisch annähern und herausfinden, wo eben jene Unterschiede in deren Gesellschaftsanalysen, ihren Kritiken und den daraus hergeleiteten Politiken sind. Angenommen wird hierbei, dass es verschiedene, nicht streng chronologisch zu begreifende ‘Phasen’ der Transformationstheorien gibt, in denen die Fokusse der Theorien anders oder verschoben sind. Solche Phasen können zum Beispiel Schwerpunkte auf soziale Ungleichheit, Gegenmobilisierung oder Lebensformen legen.
Im Tutorium könnten – falls gewünscht – auch neuere Transformationstheorien behandelt werden. Ein thesenorientierter Ablaufplan liegt vor, ist aber lediglich ein Vorschlag. Das Konzept und die Literatur sollen jedoch offen für Einflüsse und Ideen der Teilnehmenden sein.

Von der Radfahrermentalität zur Gaskammer: „Studien zum autoritären Charakter“
Entstehungsgeschichte, Durchführung und Ergebnisse

Anhand der „Studien zum autoritären Charakter“ von Theodor W. Adorno et al., die erstmals 1950 im Rahmen eines an der University of Berkeley durchgeführten Forschungsvorhabens veröffentlicht wurden, wird sich das Tutorium mit den sozialen und psychischen Bedingungen beschäftigen, die Individuen anfällig für faschistische Ideologie machen.
Zunächst soll ein Blick in die früheren theoretischen Konzepte geworfen werden, die sich mit dem Faschismus aus sozialpsychologischer Sicht auseinandersetzten, so beispielsweise Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ und die „Studien über Autorität und Familie“. Bei der Arbeit an der Studie selbst wird sowohl die F-Skala als auch die Typologie ausführlich behandelt werden, ein weiterer Fokus liegt auf der Befassung mit dem Kapitel zum Antisemitismus. Wir werden diskutieren, welche Erkenntnisse über Denkmuster und Handlungsweisen uns die Analyse des Ressentiments und der Charakterstruktur auch heute noch liefert.
Falls es möglich sein wird, soll das Tutorium mit dem Ziel der Aktualisierung der Studie, also dem Entwurf eines Fragebogens und der Durchführung einer eigenen kleinen Studie, im folgenden Semester fortgesetzt werden. Dieser Idee geht die Überlegung voraus, dass der potentiell faschistische Charakter unter dem Deckmantel von Pseudokritik und falschem Friedenswillen fortlebt. Seine Solidarität mit den Leidenden bleibt eine idiosynkratische – seine vermeintliche Liebe zum Anderen entspringt dem Hass gegen sich selbst.

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