2016 Sommersemester

Arbeit und Sprache

Sprache ist ein für Gesellschaft grundlegendes Phänomen, die Annahme eines dialektischen Verhältnisses zwischen beiden legitim. Gleichzeitig erscheint Sie dem Alltagsbewusstsein als Werkzeugkoffer, aus dem man beliebige kommunikative Mittel herausnehmen, beliebig kombinieren und verwenden kann. Dass im Gegenteil Sprache nicht „neutral“, sondern vielmehr Wahrnehmung, Denken und Wirklichkeit konstituierend und strukturierend ist, darauf haben Philosophen wie Michel Foucault (Episteme und Dispositive), Gilles Deleuze und Félix Guattari (Rhizome und Plateaus) und andere bereits hingewiesen.
Die Arbeiten des italienischen Semiotikers und Philosophen Ferruccio Rossi-Landi teilen mit Foucault und Deleuze/Guattari den Bezug auf Organisationsweisen von Zeichen und Zeichensystemen, gelangen zu ihren Schlussfolgerungen aber auf anderem Wege. Zentral für sein Denken ist die konstatierte Homologie materieller und sprachlicher Produktion, deren Entwicklung dem Spannungsfeld sprachphilosophischer und semiotischer Ansätze einerseits und der Marx’schen Arbeitswerttheorie andererseits entspringt.
Ziel des Tutoriums ist es, auf der Grundlage einiger Passagen des Marx’schen Kapitals zu einem Verständnis seines Denkens zu gelangen. Student*innen aller Fachbereiche und Semester sind gleichermaßen willkommen, eine regelmäßige Teilnahme und die aufmerksame Lektüre der Texte werden nahegelegt.

Aufgeklärte Leitkultur? Spurensuche und Kritik

Mit den Vorfällen an Silvester in Köln und dem Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft –institutionalisiert durch die AfD und Pegida bekommt der Diskurs um eine vermeintliche deutsche Leitkultur in letzter Zeit wieder höhere Relevanz. Statuiert wird ein aufgeklärtes Europa, respektive Deutschland, der Gleichberechtigung.
Dies nimmt das Tutorium als Anlass des Bezugspunkten dieser vermeintlichen Leitkultur nachzuspüren. Gemeinsam mit euch möchte ich mir den Begriff/die Epoche und Ideen der Aufklärung genauer anschauen und Spuren dieser in der gegenwärtigen Gesellschaft nachspüren. Leiten wird uns dabei die Frage welche Grundlagen die deutsche Gesellschaft vermeintlich konstituieren, an die Neu-Rechte Bewegungen anknüpfen. Nicht zuletzt soll so die Frage geklärt werden in wie weit die Aufklärung Kritik oder kritikabel ist und welche Relevanz Ideen der Aufklärung für eine Erklärung und Analyse von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit haben können. Dazu werden wir uns auch entsprechende theoretische Konzeptualisierungen anschauen. Dabei ist das Tutorium selbstverständlich offen für weitere Textvorschläge von euch und eure Interessen.

Der NSU Komplex – Perspektiven auf strukturellen Rassismus

Enver Şimşek,Abdurrahim Özüdoğru,Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç,Mehmet Turgut, İsmail Yaşar,Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter sind jene Personen die vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zwischen den Jahren 2000 und 2006 ermordet wurden. Seit nunmehr drei Jahren läuft der Prozess gegen gegen die Mitglieder des NSU; im Sommer 2016 soll ein Urteil gefällt werden.
Während sich der Prozess im Wesentlichen auf die Einzeltäter*in-Theorie stützt und die Zusammenlegung von geheimdienstlicher, polizeilicher und staatlicher Ebene realisiert, bleibt eine Auseinandersetzung um den institutionellen und strukturellen Rassismus und den Umgang mit den Opfern und Angehörigen aus. Die Erfahrung der Angehörigen im Bezug auf die Täter*innen-Opfer-Umkehr während der Ermittlungen, den Stigmatisierungen bezüglich nationaler Zugehörigkeit und des strukturellen Rassismus bleiben weitestgehend ungehört.
Anhand verschiedener Lektüre und Gesprächspartner*innen, möchten wir der Frage begegnen, was der gesellschaftliche Umgang mit dem NSU für eine antirassistische und antifaschistische Praxis bedeutet. Einerseits möchten wir uns gemeinsam mit den Teilnehmer*innen des Tutoriums anhand ausgewählter Texte und Auszüge systematisches Wissen über die Chronologie der Geschehnisse erarbeiten. Hierbei möchten wir insbesondere Texte aus ‘NSU in bester Gesellschaft’ herausgegeben von Sebastian Friedrich et al. lesen, welche die institutionell gefestigten Strukturen, die Rassismus begünstigen, und das vermeintliche Wissen über Migration und deren häufige Verknüpfung mit Kriminalität im Kontext des NSU analysieren. Besonderer Schwerpunkt soll zudem auch der migrantischen Perspektive auf die Bearbeitung des NSU Komplex zuteil werden. Migrantische Selbstorganisierungen und betroffene Gruppen wie Dostluk Sineması kritisieren in ihrer aktiven Arbeit und Veröffentlichungen den öffentlichen und staatlichen Umgang mit der Aufklärung der Morde und des NSU. Sie hinterfragen, wie eine öffentliche Diskussion entstehen kann, die eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über rassistische Gewalt ermöglicht und diese nicht reproduziert.
Daran anknüpfend möchten wir jenen emanzipatorischen Initiativen und Projekten Raum geben, die aktuell zu der gesellschaftlichen Aufklärung des Komplex NSU beitragen.

Gewerkschaften und Feminismus

„Brauchen die Gewerkschaften ein neues Leitbild der Erwerbsarbeit? Oder: Brauchen die Frauen eine neue Gewerkschaft?“ Diese Frage stellte 1994 die Politikwissenschaftlerin Ingrid Kurz-Scherf. Tatsächlich sind die spezifische Rolle von Frauen* in der bürgerlichen Gesellschaft und das Thema Feminismus und Arbeit sowohl in der marxistischen Theorietradition, aber auch in der gewerkschaftlichen Praxis und der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung oft blinde Flecken oder zumindest nur am Rande thematisiert. Deshalb soll sich das Autonome Tutorium speziell diesen Fragen widmen.

„Ich staune, daß Sie in dieser Luft atmen können“: Kultur und Lyrik nach Auschwitz

Als Reaktion auf ein Rundfunkgespräch mit Gershom Scholem im Jahr 1965 zur Frage der Aufarbeitung des Nationalsozialismus erklärte ein deutscher Student in einem Brief, dass er von den Jüdinnen und Juden erwarte, dass sie zu den Deutschen sprechen und dabei »verbissen klare Folgerungen aus jenen Tagen, die uns helfen, Sicherheit zu finden im Urteilen« formulieren. Nur so könne er »den wahren Schlüssel zum Ursprung jenes Wahnsinns erwarten«. Das Land der Täter*innen verlangt nun die Aufklärung, die es selbst nicht vollzieht, von denjenigen, die es vernichten wollte. Dabei äußert sich bei diesem Studenten, neben Schuldabwehr, eine Erwartung allgemeiner Kommunizier- und Konsumierbarkeit von Auschwitz. In unserem Tutorium wollen wir uns mit der Dialektik von Kultur und Barbarei beschäftigen und dabei von Adornos Diktum, »Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch«, ausgehen. Diesem aufgrund von Verdrängungsmechanismen, Schuldabwehr und wieder beschworener deutscher Kultur für nichtig erklärten Satz und seiner Rezeptionsgeschichte wollen wir uns widmen. Dabei soll es auch um die Lyrik der Holocaustüberlebenden Paul Celan und Nelly Sachs gehen, in der die Frage, wie sich nach Auschwitz noch leben lasse, zentraler Gegenstand ist. Schließlich stehen grundlegende Fragen zur »Aufarbeitung der Vergangenheit« im Zentrum, wozu wir das Programm einer »Erziehung zur Mündigkeit« Adornos und die Überlegungen zur Aufarbeitung des Geschehenen in Amérys »Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten« diskutieren.

Intersektionalität und Antisemitismus?!

Dieses autonome Tutorium wird ein Experiment. Ausgangspunkt bildet für uns ein Unbehagen: der Umgang von intersektionalen Ansätzen innerhalb feministischer Theorie mit Antisemitismus. (Zur Aktualität dieser Auseinandersetzung siehe Debattenbeiträge unten.) Wir möchten in diesem Tutorium einerseits untersuchen, inwiefern Antisemitismus innerhalb intersektionaler Theorien als spezifische Diskriminierungsform ausgeblendet wird bzw. bestenfalls unter einer Spielart des Rassismus subsumiert wird. Dazu ist es zunächst notwendig die Genealogie dieser Ansätze nachzuvollziehen. Anderseits wollen wir die Frage nicht vorwegnehmen, ob Antisemitismus überhaupt in der Beschreibung und Analyse als Diskriminierungsform aufgeht. Wir wollen uns außerdem im der Frage zuwenden, inwiefern in der Antisemitismus-Forschung bereits auf intersektionale Ansätze zurückgegriffen wird. Dazu möchten wir uns mit Positionen jüdischer, pro-zionistischer Feminist_innen zu transnationaler Frauenbewegungspolitik, jüdischer Identität und Intersektionalität, sowie Identitätspolitik und Universalismus, und Antizionismus und Antisemitismus innerhalb feministischer Theorie und den Frauenbewegungen beschäftigen.
Die uns umtreibenden Fragen betreffen vor allem den Zusammenhang politisch-ideologischer und Theorie immanenter Gründe. Wir sehen als Ziel dieses Tutoriums eher die Konturierung und die Differenzierung der Problemfelder und Konfliktpunkte; möchten aber dennoch auch dahin kommen zu fragen, wie eine linke „progressive“ Position in Bezug auf diese aussehen kann.

Lektürekurs „Expedition in den dunklen Kontinent“ – Feministische Psychoanalyse?

Im Tutorium wird sich mithilfe von Christa Rohde-Dachsers Buch „Expedition in den dunklen Kontinent“, welches Teil einer in den 80er und 90er Jahren aufgeflammten Diskussion über eine Neuformulierung psychoanalytischer Theorie im Bezug auf Weiblichkeit war, kritisch mit der Konzeptualisierung einer feministischen Psychoanalyse auseinandergesetzt. Wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist die Kritik an der Asymmetrie der Geschlechter in der Gesellschaft und ihren Kulturproduktionen zu welchen sie auch das wissenschaftliche Arbeiten zählt. Hierbei werden auch Weiterentwicklungen und unterschiedliche Theoretikerinnen der Psychoanalyse (Helene Deutsch, Nancy Chodorow, Luce Irigaray) in den Blick genommen. Dabei gilt es immer wieder blinde Flecken des psychoanalytischen und gesellschaftlichen Diskurses und unbewusste Phantasien über das „Subjekt Frau“ herauszuarbeiten und zu verstehen. So werden unter anderem inAnlehnung an Freuds bekannten „Ödipus“ Mythen herangezogen, um die Darstellung und Aussagekraft weiblicher und männlicher Charaktere in diesen herauszustellen.
Ziel des Tutoriums ist es, mithilfe von Rohde-Dachsers Buch eine feministische Aufarbeitung der psychoanalytischen Theorie zu starten und diese auf Aktualität hin zu überprüfen. Das Tutorium richtet sich sowohl an Personen mit als auch ohne psychoanalytische Vorkenntnisse.

(Rechter) Antifeminismus

Antifeministische Sprüche und eine erstarkende maskulinistische Bewegung, ideologische Geschlechterbilder, die vermeintliche Gefahr der deutschen Kernfamilie und der Gesellschaft überhaupt durch den „Gender-Wahnsinn”: Die so genannte Kritik an „Gleichstellungswahn” und den Ideen der „Radikal-Feministinnen” beschränkt sich nicht auf ein rechtes Spektrum, sondern hat auch ein wohliges Plätzchen im Mainstream gefunden (vgl. hier). Ob nun Einzelgruppen oder fragwürdige Allianzen, antifeministische Positionen scheinen gesellschaftsfähig zu sein. Auch Bilder und Annahmen über und von Geschlechterrollen in konservativen bis neurechten, rechtsextremen und rechtspopulistischen Zusammenhängen sollten beleuchtet werden. Frauen sind darin oft vermeintlich unsichtbar und werden als Mitläuferinnen, Freundinnen oder Ehefrauen wahrgenommen (Dass allein diese Darstellung Stereotype über Geschlechterrollen reproduziert, ist klar). Darüber hinaus werden in diesen Zusammenhängen die traditionelle Familie und entsprechende Rollenverteilungen propagiert und müssen vor Bedrohungen von außen beschützt werden. Mit den verschiedenen Strömungen dieser Bewegung(en) wollen wir uns im Tutorium auseinandersetzen. Welche Hauptströmungen lassen sich identifizieren und welche sind ihre Motive? Was für Querfronten und Allianzen lassen sich erkennen?

Viva la Revolución! Theorien und Praxis radikaler Veränderung

Inhalte des AT werden unterschiedliche revolutionäre Ideologien (z.B. Marxismus, Anarchismus, Feminismus, Faschismus) und ihre (mögliche) Umsetzung sein. Ziel ist dabei ein Verständnis der jeweiligen Krisenanalyse, des revolutionären Subjekts, der Vorstellungen eines post-revolutionären Ideals und das prä-revolutionäre Erkennen der jeweiligen Bemühungen. Diese theoretischen Überlegungen werden dann mit praktischen Beispielen der Geschichte und Gegenwart verknüpft, um schließlich aktuelle Tendenzen (z.B. den „Rechtsruck“) einordnen und verstehen zu können.
Angesichts der multiplen Krisen ist das Thema Revolution sehr aktuell und als „Transition“ oder „Transformation“ in unterschiedlichen wissenschaftlichen Diskursen zu finden. Verbunden mit sinkender Legitimation der parlamentarischen Demokratie durch sinkende Wahlbeteiligung bei gleichzeitig steigendem Protest stellt sich die Frage nach Alternativen und der Reformbarkeit des Status quo. In einem vorausgegangenen AT kam die Diskussion um das Spannungsfeld Reform und Revolution immer wieder auf, sodass ich mich entschieden habe, diesem Thema eine eigene Veranstaltungsreihe zu widmen.

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