»Ich staune, daß Sie in dieser Luft atmen können«: Kultur und Lyrik nach Auschwitz

Als Reaktion auf ein Rundfunkgespräch mit Gershom Scholem im Jahr 1965 zur Frage der Aufarbeitung des Nationalsozialismus erklärte ein deutscher Student in einem Brief, dass er von den Jüdinnen und Juden erwarte, dass sie zu den Deutschen sprechen und dabei »verbissen klare Folgerungen aus jenen Tagen, die uns helfen, Sicherheit zu finden im Urteilen« formulieren. Nur so könne er »den wahren Schlüssel zum Ursprung jenes Wahnsinns erwarten«. Das Land der Täter*innen verlangt nun die Aufklärung, die es selbst nicht vollzieht, von denjenigen, die es vernichten wollte. Dabei äußert sich bei diesem Studenten, neben Schuldabwehr, eine Erwartung allgemeiner Kommunizier- und Konsumierbarkeit von Auschwitz. In unserem Tutorium wollen wir uns mit der Dialektik von Kultur und Barbarei beschäftigen und dabei von Adornos Diktum, »Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch«, ausgehen. Diesem aufgrund von Verdrängungsmechanismen, Schuldabwehr und wieder beschworener deutscher Kultur für nichtig erklärten Satz und seiner Rezeptionsgeschichte wollen wir uns widmen. Dabei soll es auch um die Lyrik der Holocaustüberlebenden Paul Celan und Nelly Sachs gehen, in der die Frage, wie sich nach Auschwitz noch leben lasse, zentraler Gegenstand ist. Schließlich stehen grundlegende Fragen zur »Aufarbeitung der Vergangenheit« im Zentrum, wozu wir das Programm einer »Erziehung zur Mündigkeit« Adornos und die Überlegungen zur Aufarbeitung des Geschehenen in Amérys »Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten« diskutieren.

Kontakt: Josefine und Laurien, fine.geib(at)hotmail.de, lauriensimon(at)gmx.de
Termin: Dienstags, 14-16 Uhr im Random White House (kleines Gebäude auf der Wiese zwischen PA-Gebäude und Casino-Anbau)
(Erstes Treffen: 19.04.16)