Maschine und Gesellschaft

Die Maschine war einst, eher noch als apparatus verstanden, alles andere als eine körperlich und funktional abgeschlossene Einheit mit einer zielgerichteten spezifischen Zweckmäßigkeit. Vielmehr wurde sie als undurchschaubares und komplexes Geflecht von Möglichkeiten konzeptualisiert, dass sich jeder technischen Beurteilung entzog. Die mechanische Definition, zunächst ihren Wandel zum Werkzeug, erfährt sie historisch dort, wo der Hammer aufhört die Verlängerung des arbeitenden Leibes zu sein. Seine einstige Undurchschaubarkeit, vor dem Niedergang feudaler Strukturen häufig als Quelle von Täuschung und Betrug verstanden, weicht dem technischen Apparat als kalkulierbares Arbeitsmittel. Am Ende ihres Entwicklungsprozesses wird die technische Maschine im Gegensatz zum bloßen Werkzeug auch kein Arbeitsmittel mehr sein. In ihr sind objektiviertes Wissen und Geschick Unzähliger eingeschlossen, ein ganzes gesellschaftliches Verhältnis materialisiert sich unter ihren Schrauben, was den zerstreuten Arbeiter*innen, welche sie bedienen und umgeben, als beherrschende und zentrale Macht gegenübertritt. Doch gleichfalls ist genau hier nach einem möglichen Moment der Befreiung zu suchen. Die ambivalente historische Entwicklung des technisch vermittelten Kapitalismus wird nirgendwo offensichtlicher als in Marxens Betrachtungen über Maschinerie, Technik und Industrie: Auf der einen Seite will das Kapital in einer vollständig wissensbasierten Produktion die lebendige Arbeit auf ein notwendiges Minium reduzieren, gar loswerden, andererseits kann ohne sie kein Mehrwert zustande kommen – die Arbeit „wird im Zurückstoßen festgehalten“ (Christian Lotz). Der Tendenz nach scheint die technische Entwicklung des Kapitalismus die Mittel zu seiner eigenen Aufhebung kontinuierlich mitzuproduzieren, während bei Steigerung der Produktivität zeitgleich Lohnkürzungen, Arbeitszeitverlängerungen und Prekarisierung zur Tagesordnung gehören. Dennoch wird mancherorts schon von einem „Kommunismus des Kapitals“ (Antonio Negri) gesprochen, während andere darin nur eine Fetischisierung von Technologie (Alain Badiou) zu erkennen meinen.
An zentralen Textstellen bei Marx wollen wir versuchen uns gemeinsam mit dem Maschinenbegriff ein genaueres Bild über die emanzipativen Potentiale kapitalistisch-technischer Entwicklung zumachen und über bloße ’negativ anti-antikapitalistische‘ Analysen und Betrachtungen hinaus zu gehen – wäre eine im weitesten Sinne emanzipative Tendenz nicht im Gegenwärtigen enthalten, müssten wir ohnehin alle Hoffnung auf eine andere Gesellschaft aufgeben. Nach einer detaillierten Lektüre der ausgewählten Marxschen Texte wollen wir über einige Zwischenetappen hinweg letztlich kritisch den Anschluss an (Post-)Operaistische Diskurse suchen und die ambivalenten Potenziale technischer Entwicklung an aktuellen arbeitssoziologischen Debatten überprüfen.

Kontakt: Julian, hauptsache.ist(at)web.de
Erstes Treffen: Mittwoch, 22.04.15, 14 Uhr c.t. im Café Aufhebung (Fachschaftenraum, PEG 1.207)

Advertisements