Was Kritik ist, oder: Die Pseudokritik des Poststrukturalismus

Im vergangenen Sommersemester wollte das Tutorium „Zur Aktualität von Ontologie und Dialektik“ anhand ausgewählter Vorlesungen Adornos den Versuch unternehmen, den seit nun bereits über zwei Jahrzehnten andauernden Hype poststrukturalistischer Philosophie im Wissenschaftsbetrieb wie auch in bewegungslinker Gesinnung einerseits soziologisch zu erklären, also die Frage zu diskutieren, woher das neoontologische, postmoderne Bedürfnis herrührt. Andererseits sollte dieser Versuch einer Kritik dem Poststrukturalismus nicht bloß äußerlich bleiben, sondern immanent dessen nicht explizierte oder gar verschleierte Voraussetzungen und Widersprüche herausarbeiten. Ist es dem Tutorium zwar gelungen auf hohem Niveau die immanente Kritik der Heideggerischen Fundamentalontologie nachzuvollziehen und auch selbst zu entfalten, kamen die Versuche zum Poststrukturalismus jedoch noch nicht über einzelne Andeutungen hinaus, die sich vor allem auf den poststrukturalistischen Anspruch beschränkten, eine kritische Philosophie zu sein. Im Wintersemester soll das begonnene Vorhaben nun fortgesetzt werden, wobei insbesondere zwei miteinander vermittelte Probleme im Zentrum stehen.
Zunächst soll im ersten Drittel des Tutoriums nachvollzogen werden, was Kritik ist. Der Begriff Kritik weist schon philologisch auf den des Scheidens unmittelbar hin. Kritik ist also darin bestimmt, dass sie gar nichts anderes sei als Unterscheidung, welche schließlich die einander differenten Momente von Begriff und Gegenstand miteinander konfrontiert, sie zum Widerspruch radikalisiert, sie so jeweils mit Leben füllt und darin beide über ihre verdinglichte Starrheit hinauszutreiben strebt. So konnte bereits das im strengsten Sinne antikritische Wesen der Heideggerischen Philosophie bis auf die Wurzel des Kritik-Begriffs hinunter verfolgt werden. Was der Heideggerischen Philosophie jedoch keinen Schlag versetzt, weil diese überhaupt gar nicht den Anspruch hat eine kritische Philosophie zu sein, würde den Poststrukturalismus merklich tangieren. Dieser spielt sich schließlich auf, kritischer noch als Marx, kritischer als Adorno, kritischer als kritische Kritik zu sein. Es soll also im Tutorium zunächst der Begriff der Kritik selbst bestimmt werden. Diesem Versuch sich bereits gewidmete Aufsätze von Kant, Hegel, Marx und Adorno werden mit gleichermaßen an ihm orientierten Texten von Foucault und Butler konfrontiert.
Im weiteren Verlauf des Tutorium soll die Kritik des Poststrukturalismus in seiner Vertretung durch Butler ausführlich, und das heißt: ganz nah am Text entfaltet werden. Die bereits im vergangenen Semester angefangene Lektüre von „Das Unbehagen der Geschlechter“ soll erneut begonnen und um die Diskussion von „Körper von Gewicht“ erweitert werden. Im Zentrum der Diskussion sollen dabei vor allem die Begriffe Natur, Geschlecht, Subjekt und Körper stehen. Es gilt die Thesen zu diskutieren, Butler löse Natur vollständig in eine nur noch diskursiv bis performativ verstandene Gesellschaft auf, wobei diese darin tatsächlich als zweite Natur verdinglicht und ontologisch veredelt wird; und dass Butlers Begriff vom Subjekt ohne jegliche lebendige Substanz wesentlich entsubjektiviert daherkomme. Beides liefe schließlich darauf hinaus, einer Philosophie, die sich dem eigenen Anspruch nach als Identitätskritik versteht, nachzuweisen, dass sie Identitätsdenken im strengsten Sinne ist und nichts Nicht-Identisches kennt. Deswegen sei Butlers Philosophie auch nichts als die Apologie des Pseudopluralismus partikularer Lebensformen, die im Bestehenden doch gerade das Allgemeine sind und sich als die substanzlose und entqualifizierte Immergleichheit offenbaren.
Kontakt: Nico, nico.bobka(at)web.de
Erstes Treffen: Dienstag, 21.10.2014, 18.00 Uhr im Café Aufhebung (Fachschaftenraum, PEG 1.207)